Das Reh – warum es nicht die Frau vom Hirsch ist

Halten wir gleich zu Beginn einen der zählebigsten Irrtümer der heimischen Tierwelt fest: Das Reh ist nicht das Weibchen des Hirsches. „Bambi“ wird kein Hirsch, wenn er erwachsen wird. Reh und Rothirsch sind zwei völlig verschiedene Tierarten – und kurioserweise nicht einmal besonders nah verwandt. Das Reh (Capreolus capreolus) zählt zu den sogenannten Trughirschen und steht damit dem Rentier, dem Elch und dem amerikanischen Weißwedelhirsch näher als dem Rothirsch, mit dem es bei uns Wald und Feld teilt. 

Klein, zierlich, heimlich

Das Reh ist unsere kleinste heimische Hirschart. Ein ausgewachsenes Tier wiegt je nach Region und Jahreszeit nur etwa 15 bis 30 Kilogramm und erreicht eine Schulterhöhe von gut 65 bis 75 Zentimetern – ein zierliches Geschöpf, das geduckt durch Hecken und Dickichte schlüpft. Im Sommer trägt es ein rotbraunes, im Winter ein graubraunes Fell. Auffällig ist der „Spiegel“, der helle Fleck am Hinterteil, der bei Gefahr aufgestellt wird und den Artgenossen im Dämmerlicht als Signal dient.

Das Reh ist kein Tier der offenen Herde, sondern eher ein Einzelgänger und Feinschmecker. Biologen nennen es einen Konzentratselektierer: Es frisst nicht wahllos Gras, sondern pickt gezielt das Nährstoffreichste heraus – Knospen, Triebe, Kräuter, junge Blätter. Aktiv ist es vor allem in der Dämmerung.

Bock, Ricke, Kitz – wer ist wer

Hier lohnt sich Vokabular, denn es klärt zugleich die Verwechslung. Das männliche Reh heißt Bock und ist das einzige Geschlecht mit Geweih. Das weibliche Tier ist die Ricke (auch Geiß), der Nachwuchs das Kitz, und ein noch junges, kinderloses Weibchen wird Schmalreh genannt. Wichtig: Das Geweih des Bocks ist nicht zu verwechseln mit dem mächtigen Geweih des Rothirschs. Ein Rehbock-Geweih bleibt kurz – meist 15 bis 20 Zentimeter, höchstens rund 600 Gramm schwer. Zum Vergleich: Ein Rothirsch-Geweih kann 15 Kilogramm erreichen. 

 

 

Wie alle Hirsche wirft auch der Bock sein Geweih jährlich ab und bildet es neu. Während des Wachstums ist es von samtiger Haut, dem „Bast“, überzogen, die später an Büschen abgefegt wird.

Ein Trick der Natur: die Keimruhe

Jetzt kommt das, was selbst manchen Naturfreund überrascht. Die Paarungszeit der Rehe, die Blattzeit, fällt in den Hochsommer – Juli und August. Eigentlich müssten die Kitze dann mitten im Winter zur Welt kommen, zur denkbar ungünstigsten Zeit. Das Reh löst dieses Problem mit einem biologischen Kniff, den unter den heimischen Huftieren nur es beherrscht: der Keimruhe. Die befruchtete Eizelle entwickelt sich nicht sofort weiter, sondern ruht rund viereinhalb Monate. Erst im Dezember nimmt sie ihre Entwicklung auf, und so kommen die Kitze erst im darauffolgenden Mai und Juni – im warmen, nahrungsreichen Frühling. Die Natur drückt gewissermaßen die Pausetaste, bis der richtige Moment gekommen ist.

Die Kitze im Gras

Meist sind es zwei Kitze, selten eines oder drei, jedes bei der Geburt nur etwa ein Kilogramm schwer und am gefleckten Fell zu erkennen. In den ersten Lebenstagen verfolgen sie eine erstaunliche Überlebensstrategie: Sie laufen nicht weg, sondern drücken sich regungslos ins hohe Gras und sind dabei nahezu geruchlos – für Fressfeinde praktisch unsichtbar. Die Ricke ist in der Nähe, auch wenn man sie nicht sieht.

Genau daraus folgt die wichtigste Regel für uns Menschen: Ein scheinbar allein im Gras liegendes Kitz ist nicht verwaist und darf auf keinen Fall angefasst oder mitgenommen werden. Die eigentliche Gefahr für die Kitze ist eine andere – die Mahd. Wer hier helfen möchte, findet im Beitrag [„Rette ein Kitz“] das Wichtigste dazu.

Beobachtungstipp: Reh, Bock oder Kitz erkennen

Wer Rehe sehen will, geht in der ersten Morgen- oder der letzten Abenddämmerung an Waldränder, Wiesen und Feldsäume – dort treten sie zum Äsen aus der Deckung. Und so ordnet man das Beobachtete ein: Trägt das Tier ein kurzes, kompaktes Geweih, ist es ein Bock (am deutlichsten von Frühjahr bis Spätsommer). Sieht man am Hinterteil einen herzförmigen Spiegel, oft mit einem kleinen Haarbüschel, der „Schürze“, ist es eine Ricke. Und ein kleines, getupftes Tier dicht bei einem größeren im Mai oder Juni ist ein Kitz. Hört man schließlich ein heiseres, hundeartiges Bellen aus dem Unterholz, hat ein Reh euch längst bemerkt – es ist sein Schreckruf, mit dem es vor dem Verschwinden noch kurz seinem Unmut Luft macht.