Die Kornblume – das Blau, das mit dem Getreide kam

Wenn der Klatschmohn das Rot der Sommerfelder ist, dann ist die Kornblume ihr Blau. Kein gewöhnliches Blau, sondern dieses reine, fast leuchtende „Kornblumenblau“, für das es ein eigenes Wort gibt. Früher gehörten beide untrennbar zusammen – rote Mohnblüten und blaue Kornblumen im wogenden Getreide, ein Bild, das ganze Generationen von Malern und Dichtern beschäftigt hat. Die Kornblume (Centaurea cyanus) hat aber mehr zu bieten als ihr apartes Blau.

Eine Blüte, die genauer hinzusehen lohnt

Die Kornblume gehört zu den Korbblütlern (Asteraceae) – derselben großen Familie wie Löwenzahn und Distel. Was wie eine einzelne Blüte aussieht, ist in Wahrheit ein ganzer Blütenstand aus vielen kleinen Einzelblüten. Schaut man genau hin, erkennt man zwei Sorten: innen die kleineren, unscheinbaren Röhrenblüten, die Pollen und Nektar liefern, und außen ein Kranz auffällig vergrößerter, trichterförmiger Randblüten, deren einziger Zweck es ist, Insekten anzulocken. Es ist also ein cleveres Gemeinschaftswerk – die einen werben, die anderen liefern. Die einjährige Pflanze wird je nach Standort 20 bis 100 Zentimeter hoch und blüht von Juni weit in den Sommer hinein.

Mitgereist mit dem Getreide

Die Kornblume ist eigentlich keine Ur-Einheimische. Sie stammt ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum und kam vor langer Zeit unbeabsichtigt mit dem Saatgut zu uns – als blinder Passagier im Getreide. Solche Arten nennt man Archäophyten: alteingesessene Einwanderer, die schon seit Jahrhunderten fester Teil unserer Kulturlandschaft sind. Seit der Mensch Ackerbau betreibt, ist die Kornblume seine ständige Begleiterin auf dem Feld. Ihr Schicksal ist damit untrennbar mit unserer Art zu wirtschaften verknüpft – im Guten wie im Schlechten.

Nektar für Insekten

Hier zeigt sich ein schöner Unterschied zu ihrem roten Feldnachbarn. Der Klatschmohn bietet seinen Besuchern nur Pollen, keinen Nektar. Die Kornblume dagegen ist ein großzügiger Nektarspender und damit eine wertvolle Nahrungsquelle für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und viele weitere Insekten. An einem warmen Sommertag summt es über einem Kornblumen-Saum hörbar. Gerade in der ausgeräumten Agrarlandschaft, in der blühende Nahrung knapp geworden ist, zählt jede dieser blauen Tankstellen.

Essbar, aber bitter

Die Kornblume ist ungiftig, und ihre blauen Blüten sind essbar – sie machen sich hübsch als Farbtupfer im Salat oder getrocknet in Teemischungen, wo sie vor allem der Optik dienen. Kulinarisch sollte man sich allerdings nicht zu viel versprechen: Die Pflanze enthält reichlich Gerbstoffe und schmeckt eher bitter. Sie ist also mehr Augen- als Gaumenfreude. In der Volksheilkunde galt ein Aufguss aus den Blüten früher als Mittel für die Augen – ein Echo des leuchtenden Blaus, das sich in alten Namen wie „Zyanenwasser“ erhalten hat.

Die blaue Blume der Sehnsucht

Kaum eine Pflanze ist so tief in unsere Kultur eingewachsen. In der deutschen Romantik wurde die „blaue Blume“ – maßgeblich von der Kornblume inspiriert – zum Sinnbild schlechthin: für Sehnsucht, Liebe und das Streben nach dem Unendlichen. Dass ausgerechnet ein bescheidenes Ackerkraut zu diesem großen Symbol wurde, sagt viel über die Wirkung dieses Blaus. Es hat sich bis heute in unsere Sprache eingeschrieben – „kornblumenblau“ versteht jeder sofort.

Selten geworden auf dem Acker

Und damit zum ernsten Teil, den die Kornblume mit dem Klatschmohn teilt. Intensive Landwirtschaft, Herbizide, Überdüngung und perfekt gereinigtes Saatgut haben die einst selbstverständlichen Ackerwildblumen über Jahrzehnte massiv zurückgedrängt. Die mohnrot-kornblumenblauen Felder von einst sind vielerorts gleichförmigem Grün gewichen. Zwar erholt sich die Kornblume dank Ackerbrachen und ökologischem Landbau stellenweise wieder etwas – die dramatischen Verluste der Nachkriegszeit gleicht das aber bei Weitem nicht aus. Wie der Mohn steht die Kornblume damit stellvertretend für eine ganze, bedrängte Lebensgemeinschaft des Ackers.

Wer mehr über ihren roten Begleiter wissen möchte, findet hier das Porträt zum [Klatschmohn].

Was du tun kannst

Helfen ist auch hier erfreulich einfach. Ein sonniger, magerer Streifen im Garten, mit heimischem Ackerwildblumen-Saatgut besät, bringt schon im ersten Sommer Kornblumen hervor – und füttert nebenbei zahllose Insekten. Wer Flächen bewirtschaftet, schafft mit ungespritzten Feldrändern und Blühstreifen wieder Raum für die alte Gemeinschaft aus Mohn, Kornblume und Co. Und im Kleinen genügt manchmal schon, ein paar Quadratmeter nicht zu mähen und abzuwarten.