Das Lilienhähnchen – kein Vogel, sondern ein zirpender Käfer

Hebt man ein Lilienhähnchen vorsichtig auf, passiert etwas Unerwartetes: Der kleine Käfer fängt an zu zirpen. Ein feines, quietschendes Geräusch, das er mit dem Hinterleib erzeugt, um Angreifer zu erschrecken. Genau diesem Laut verdankt er den putzigen zweiten Teil seines Namens – das „Hähnchen“, das nichts mit Geflügel zu tun hat, sondern mit dem Krähen im Kleinformat. Das Lilienhähnchen (Lilioceris lilii) ist ein wahres Schmuckstück – und zugleich der größte Albtraum jedes Lilienliebhabers.

Ein leuchtendes Juwel

Mit nur sechs bis acht Millimetern ist das Lilienhähnchen winzig, aber trotzdem kaum zu übersehen. Seine Flügeldecken leuchten in einem satten, glänzenden Korallenrot, das in der Sonne förmlich aufblitzt, während Kopf, Beine und Fühler tiefschwarz sind. Dieser Kontrast macht den kleinen Blattkäfer (Familie Chrysomelidae) zu einem der auffälligsten Käfer unserer Gärten. Man trifft ihn vor allem im April, Mai und Juni, dann noch einmal im September, in Gärten und lichten Laubwäldern.

Ein Feinschmecker mit teurem Geschmack

So schön der Käfer, so heikel seine Vorliebe. Das Lilienhähnchen frisst, wie der Name sagt, am liebsten Lilien – dazu Kaiserkronen, Schachbrettblumen, Maiglöckchen und sogar Schnittlauch. Und es bleibt nicht beim Knabbern: Erwachsene Käfer wie Larven können eine Lilie binnen Tagen bis auf die Stängel kahl fressen. Wer im Garten edle Lilien zieht, kennt den Anblick und den Ärger. Genau deshalb gilt das Lilienhähnchen als der verbreitetste Lilien-Schädling Europas – ein schöner Käfer, der ausgerechnet unsere Prachtblumen liebt.

Die wohl ekligste Tarnung der Insektenwelt

Den stärksten Eindruck hinterlassen aber nicht die Käfer, sondern ihre Larven – und zwar einen denkbar unappetitlichen. Die orangeroten, plumpen Larven betreiben eine Tarnstrategie, die ihresgleichen sucht: Sie häufen ihren eigenen, schwarzen, schleimigen Kot auf dem Rücken an und tragen ihn wie einen feuchten Mantel mit sich herum. Was aussieht wie ein Klecks Vogeldreck auf dem Blatt, ist in Wahrheit eine fressende Larve unter einer Schicht eigener Ausscheidungen. Für Fressfeinde ist das gleich doppelt abschreckend – wer beißt schon in einen Kothaufen? So unappetitlich es klingt: Es ist eine erstaunlich wirksame Erfindung der Evolution.

Schädling oder Schmuckstück? Ein Gärtner-Dilemma

Womit wir bei der unbequemen Frage wären, die sich jeder lilienbegeisterte Gärtner stellt. Das Lilienhähnchen ist ein Schädling – das lässt sich nicht schönreden. Aber es ist auch ein heimisches Insekt von bestechender Schönheit, und die Keule ist selten die beste Antwort. Wer nur wenige Pflanzen hat, fährt am besten mit der einfachsten Methode: regelmäßig absammeln. Dabei lohnt ein Trick-Wissen über den Käfer selbst. Fühlt er sich bedroht, lässt er sich blitzschnell vom Blatt fallen und landet auf dem Rücken – und seine schwarze Unterseite verschwindet dann perfekt getarnt auf dem dunklen Boden, während der rote Rücken nach unten zeigt. Wer ihn absammeln will, hält deshalb am besten die Hand darunter, bevor er ihn berührt.

Gegen Gift spricht ohnehin alles: Es trifft auch all die nützlichen Insekten im Beet. Ein paar angefressene Blätter sind ein kleiner Preis dafür, diesem zirpenden roten Juwel im eigenen Garten zu begegnen – einem Käfer, der beweist, dass „Schädling“ und „faszinierend“ sich nicht ausschließen.