Die weiße Seerose – vollkommene Schönheit auf dem Wasser

Die Weiße Seerose (Nymphaea alba) ist eine vollkommene Schönheit. Kaum ein Motiv steht so sehr für stille Sommertage am Wasser. Hinter der makellosen Blüte steckt ein erstaunlich raffiniertes Lebewesen – und ein Stück streng geschützter Wildnis, das man leicht für Gartendeko hält.

Ein Bauwerk aus Schwimmblättern

Was an der Oberfläche schwimmt, ist nur der sichtbare Teil. Die Weiße Seerose wurzelt mit einem kräftigen Rhizom tief im schlammig-moorigen Grund stehender oder langsam fließender Gewässer, meist in unter zwei Metern Wassertiefe. Von dort schickt sie ihre lang gestielten Blätter nach oben. Diese Schwimmblätter sind rund, am Stielansatz herzförmig eingebuchtet und werden 10 bis 25 Zentimeter groß.

Bemerkenswert ist ihre Oberfläche: Ein feiner Wachsüberzug lässt Wasser einfach abperlen, sodass die Blätter trocken und atmungsfähig bleiben – sonst würden sie verkleben und faulen. So bilden sie eine schwimmende Plattform, die im Sommer ganze Wasserflächen bedeckt und darunter eine eigene kleine Welt beschattet, in der Libellenlarven, Schnecken und Jungfische Deckung finden.

 

Die Blüte und ihre Besucher

Von Juli bis September öffnen sich die einzelnen Blüten – reinweiß, neun bis zwölf Zentimeter groß, mit einem warmen gelben Grund aus zahlreichen Staubblättern. Sie folgen dem Tagesrhythmus: Am Vormittag öffnen sie sich der Sonne, gegen Abend schließen sie sich wieder. Bestäubt werden sie von Insekten, vor allem Hummeln und Fliegen, die der gelbe Schein und ein zarter Duft anlocken. Wer geduldig an einem warmen Vormittag verharrt, sieht die Tiere zwischen den Staubblättern arbeiten.

Weiße Seerose oder Teichrose?

Eine häufige Verwechslung lässt sich leicht klären – und sie ist sogar eine Frage der Farbe. Die Weiße Seerose hat die großen, flach auf dem Wasser liegenden weißen Blüten. Die Gelbe Teichrose (Nuphar lutea), auch „Mummel“ genannt, ist mit ihr verwandt, trägt aber kleinere, kugelige gelbe Blüten, die ein Stück über die Wasseroberfläche herausragen. Beide sind heimisch, beide wachsen in ähnlichen Gewässern. Merksatz: weiß und flach aufliegend = Seerose, gelb und herausragend = Teichrose.

Bitte nur anschauen: streng geschützt

Hier kommt der Punkt, den viele nicht wissen. Die Weiße Seerose ist in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Das heißt ganz konkret: Sie darf in der freien Natur weder gepflückt noch ausgegraben oder entnommen werden. So verlockend eine Blüte als Mitbringsel wirken mag – abgeschnitten welkt sie ohnehin binnen Stunden, und dem Bestand schadet jede Entnahme. Die Pflanze reagiert zudem empfindlich auf alles, was ihren Lebensraum stört: Nährstoffeinträge, Wellenschlag durch Boote, das Verkrauten oder Zuwachsen der Gewässer. Wo die Weiße Seerose üppig blüht, ist das ein gutes Zeichen für ein intaktes, sauberes Stillgewässer.

Übrigens ist die Pflanze leicht giftig: Ihr Rhizom enthält Alkaloide und gehört nicht auf den Teller. Auch das ein guter Grund, sie dort zu lassen, wo sie hingehört.

Wild und Garten – nicht dasselbe

Wenn von Seerosen die Rede ist, denken viele an die prächtig gefüllten, rosa und purpurnen Sorten der Gartenteiche oder an Monets berühmte Gemälde. Das sind fast immer Zuchtformen und Kreuzungen. Unsere wilde Weiße Seerose ist schlichter und gerade darin vollkommen: eine einzelne, klare Blüte über dunklem Wasser. Wer sie im Garten haben möchte, greift zu im Handel gezogenen Pflanzen – niemals zu Exemplaren aus der Natur.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Pflanze: Manches Schöne muss man nicht besitzen. Es genügt, an einem stillen See zu stehen, die schwimmenden Blätter zu betrachten und zu wissen, dass dort, ein paar Handbreit unter der Oberfläche, eine Pflanze im Schlamm wurzelt, um über dem Wasser so makellos zu blühen.