Der Klatschmohn – rote Tupfen in Sommerfeldern und -wiesen

Es gibt dieses eine Rot, an dem das Auge im Sommer einfach hängenbleibt. Ein Feldrand, ein Bahndamm, eine Brachfläche – und mittendrin dieses seidige, fast unwirklich leuchtende Rot, das im Wind zittert. Der Klatschmohn (*Papaver rhoeas*) gehört zu den Pflanzen, die eigentlich jeder kennt. Hinter der vertrauten Sommerblume steckt eine erstaunliche Lebensstrategie, ein hartnäckiges Missverständnis – und eine leise Mahnung.

Eine Blüte für wenige Tage

Der Klatschmohn ist ein Mohngewächs (Papaveraceae), einjährig bis zweijährig, und wird je nach Standort zwischen 20 und 90 Zentimeter hoch. Aus behaarten, nickenden Knospen entfalten sich von Mai bis Juli die einzelnen, schalenförmigen Blüten. Die vier Kronblätter wirken wie zerknittertes Seidenpapier, das sich erst in der Sonne glättet.

Bemerkenswert ist, wie kurz das alles dauert. Eine einzelne Blüte hält oft nur zwei bis drei Tage, dann fallen die Blätter. Der Klatschmohn setzt nicht auf Dauer, sondern auf Masse und Tempo: Er besiedelt offene, gestörte Böden blitzschnell, blüht, sät aus – und seine Samen können im Boden jahrzehntelang überdauern, bis ein Pflug oder Bagger sie wieder ans Licht holt. Genau deshalb taucht der Mohn manchmal scheinbar aus dem Nichts auf frisch aufgerissenen Flächen auf.

Kein Schlafmohn: die Sache mit dem Gift

Hier hält sich ein zähes Missverständnis. Klatschmohn wird oft mit dem Schlafmohn (*Papaver somniferum*) verwechselt – jener Art, aus der Opium und Morphin gewonnen werden. Das ist falsch: Der Klatschmohn enthält kein Morphin. Sein weißer Milchsaft führt lediglich das schwach giftige Alkaloid Rhoeadin in sehr geringer Konzentration. Für den Menschen ist die Pflanze damit allenfalls schwach giftig; gefährlich ist sie nicht. Verwechseln kann man ihn dagegen leicht mit dem nah verwandten Saat-Mohn (*Papaver dubium*), dessen Blüten kleiner und eher orange-rot sind.

Ein Festmahl für Bienen

Der Klatschmohn bietet übrigens keinen Nektar. Was er aber hat, ist Pollen, und davon reichlich: Seine Blüten gehören zu den ergiebigsten Pollenquellen überhaupt, am üppigsten am Vormittag. Für Bienen und andere Bestäuber ist dieser Pollen besonders wertvoll. Man kann an einem sonnigen Vormittag oft mehrere Insekten gleichzeitig in einer einzigen Blüte herumkrabbeln sehen, dick mit blauschwarzem Pollen bestäubt. Dass die Blüte nur so kurz hält, macht diese wenigen Stunden umso wichtiger.

Symbol des Gedenkens

Im englischsprachigen Raum ist der Klatschmohn – die „poppy“ – das Symbol für das Gedenken an die Gefallenen der Weltkriege, getragen am Remembrance Day im November. Der Ursprung liegt im Gedicht *In Flanders Fields*: Auf den umgepflügten Schlachtfeldern Flanderns war es ausgerechnet der Mohn, der als Erstes wieder blühte – das Rote Leben über der zerstörten Erde. In anderen Kulturen steht die Blume für die Liebe. Dass eine so vergängliche Blüte zum Sinnbild des Erinnerns wurde, passt auf eigentümliche Weise.

Die roten Felder werden seltener

Und damit zum ernsten Teil. Der Klatschmohn ist ein klassisches Ackerwildkraut – eine jener Arten, die seit jeher mit dem Getreidebau zogen. Genau das wird ihm zum Verhängnis. Dichte Saaten, effiziente Saatgutreinigung, Herbizide und überdüngte, lückenlose Felder lassen kaum noch Platz für Wildblumen am und im Acker. Die einst selbstverständlichen mohnroten Felder sind vielerorts verschwunden.

Nicht ohne Grund wurde der Klatschmohn 2017 zur Blume des Jahres gewählt: Die Loki-Schmidt-Stiftung wollte damit auf den stillen Verlust der Ackerwildblumen aufmerksam machen. Der Mohn steht also stellvertretend für eine ganze, bedrängte Lebensgemeinschaft – Kornblume, Kornrade, Rittersporn und viele mehr, die mit ihm verschwinden.

Was du tun kannst

Dem Klatschmohn (und damit vielen Insekten) zu helfen ist denkbar einfach und obendrein hübsch anzusehen. Ein Streifen ungenutzter, magerer Boden im Garten, einmal aufgelockert und mit heimischem Ackerwildblumen-Saatgut bedacht, kann schon im ersten Sommer leuchten – und liefert Bienen wertvollen Pollen. Wer einen Acker besitzt oder bewirtschaftet, gibt mit ungespritzten Feldrändern und Blühstreifen dem Mohn und seinen Begleitern wieder Raum. Und manchmal genügt es schon, eine Ecke einfach in Ruhe zu lassen und abzuwarten, was der Samenvorrat im Boden hervorbringt.