Es gibt wohl kaum einen Wasservogel, den man in Deutschland häufiger sieht – und kaum einen, der so beharrlich verkannt wird. Auf jedem Parkteich, an jedem Baggersee schwimmt es herum: schwarz, kompakt, mit einem leuchtend weißen Fleck auf der Stirn. „Ach, so eine Ente“, denken die meisten und gehen weiter. Natürlich ist das Blässhuhn überhaupt keine Ente. Und dazu noch einer der charakterstärksten Vögel unserer Gewässer.
Keine Ente, sondern eine Ralle
Das Blässhuhn (Fulica atra) gehört nicht zu den Entenvögeln, sondern zur Familie der Rallen – derselben Gruppe wie die scheue Wasserralle oder das Teichhuhn. Mit den Enten hat es nur den Lebensraum gemeinsam, nicht die Verwandtschaft. Man erkennt das schon am Schnabel: kein flacher Entenschnabel, sondern ein spitzer, kräftiger Kegel. Das Blässhuhn ist also gewissermaßen eine Ralle, die sich das Schwimmen angeeignet hat – und das überraschend gut.
Woher der Name kommt
Sein auffälligstes Merkmal hat dem Vogel den Namen gegeben. Die „Blässe“ oder „Blesse“ ist das weiße Stirnschild, das zusammen mit dem weißen Schnabel hell aus dem ansonsten tiefschwarzen, im Licht grünlich schimmernden Gefieder hervorsticht. Dasselbe Wort steckt im weißen Stirnfleck mancher Pferde. Dazu kommen die kleinen, leuchtend roten Augen – ein Detail, das man erst aus der Nähe bemerkt und das dem Blässhuhn etwas seltsam Wildes verleiht. Übrigens ist die zoologisch korrektere Bezeichnung „Blässralle“, so wie das Teichhuhn eigentlich „Teichralle“ heißt.
Die Sache mit den Füßen
Hier wird es richtig spannend. Enten haben Schwimmhäute zwischen den Zehen – durchgehende Membranen wie ein Paddel. Das Blässhuhn hat etwas anderes: gelappte Zehen. An jedem Zehenglied sitzen breite, hautige Lappen, die sich beim Vorwärtsschub auffächern und beim Zurückziehen zusammenklappen. Dieselbe Konstruktion findet man bei den Lappentauchern. Sie macht das Blässhuhn zu einem exzellenten Schwimmer und Taucher, lässt es aber an Land erstaunlich behäbig und staksig wirken. Wer einmal ein Blässhuhn über eine Wiese watscheln sieht, versteht, warum es das Wasser bevorzugt. Seine Nahrung – Wasserpflanzen, Schilf, Schnecken und Insektenlarven – holt es tauchend vom Grund.
Ein streitbarer Charakter
Wer Blässhühner für langweilig hält, hat ihnen nie im Frühjahr zugesehen. Kaum ein einheimischer Wasservogel verteidigt sein Revier so kompromisslos. Geraten zwei Rivalen aneinander, richten sie sich im Wasser auf, treten mit den kräftigen Beinen nacheinander und spritzen sich gegenseitig nass. Beim Imponieren senken sie den Kopf und präsentieren dem Gegner demonstrativ die weiße Blässe – das Stirnschild ist also nicht nur Namensgeber, sondern auch Waffe im Rangkampf. Selbst weit größere Tiere wie Schwäne werden energisch attackiert, wenn sie dem Nest zu nahe kommen. Diese Angriffslust ist der Grund, warum man Blässhühner oft einzeln und auf Abstand zueinander sieht.
Brut und die schrillen Küken
Zwischen März und Juli baut das Paar ein voluminöses Schwimmnest aus Pflanzenmaterial, gut versteckt im Röhricht oder am Schilfrand. Das Weibchen legt fünf bis zehn Eier. Was dann schlüpft, gehört zu den kuriosesten Erscheinungen der heimischen Vogelwelt: pechschwarze Küken mit knallrot-orangefarbenem Kopfgefieder und Schnabel, fast wie kleine Punks. Anfangs schwimmt die ganze Familie zusammen, später teilen Weibchen und Männchen die Schar untereinander auf und treffen sich erst abends wieder am Nest. Nach rund zehn Wochen sind die Jungen flugfähig.
Blässhuhn oder Teichhuhn?
Diese Verwechslung ist die häufigste – dabei ist sie leicht aufzulösen. Das Blässhuhn ist größer (36–45 cm), gleichmäßig schwarzgrau und trägt Stirnschild und Schnabel in Weiß. Das Teichhuhn (die Teichralle) ist deutlich kleiner und schlanker, bräunlicher gefärbt, hat einen weißen Streifen an der Flanke – und vor allem ein rotes Stirnschild mit gelber Schnabelspitze. Merksatz: weiße Blässe = Blässhuhn, rote Blässe = Teichhuhn.
Häufig – aber nicht selbstverständlich
Anders als die Rauchschwalbe gehört das Blässhuhn zu den Gewinnern: Mit geschätzt 61.000 bis 105.000 Brutpaaren in Deutschland ist es weit verbreitet und in der Roten Liste als nicht gefährdet eingestuft. Es ist ein klassischer Kulturfolger, der auch Parkteiche und Baggerseen besiedelt – im Winter sammeln sich auf eisfreien Gewässern oft große Trupps, teils ergänzt durch Zuzügler aus dem kälteren Norden und Osten.
Trotzdem lohnt der Blick. Denn dass eine Art häufig ist, heißt nicht, dass sie unwichtig wäre. Das Blässhuhn ist ein verlässlicher Anzeiger für intakte Stillgewässer mit Flachufern und Röhricht – genau jene Lebensräume, die durch Uferverbau, Freizeitnutzung und Verschmutzung unter Druck stehen. Und es ist, ganz nebenbei, ein wunderbares Übungsobjekt: Wer lernt, das vermeintlich gewöhnliche Blässhuhn wirklich zu sehen, sieht danach den ganzen Teich mit anderen Augen.

